Leseproben aus dem neusten Buch der „Jenaer Sprachverwender“: Unerwartete Begegnungen - Neue Texte der Jenaer Sprachverwender

Erschienen 2017, edition winterwork, ISBN: 978-3-96014-393-2

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Bettina Grumbach
Sand

Ich war ein Sandkorn auf dem Boden
der eure Füße trug
ich passte mich euren Tritten an
und beugte mich eurem Pflug.

Ihr machtet eine Grube
und hobet mich hinweg
ihr habt mich aussortieret
zum Leben ohn' Sinn und Zweck.

Der Wind, er blies mich weiter
und so wurde ich dann
der Sand in eurem Getriebe
der alles aufhalten kann.

Es knirscht in eurem Getriebe
die Zahnräder fassen nicht mehr
die Ketten, sie spannen gefährlich
ich mache mich breit, mach mich schwer.

Werd' Widerstand euch bieten
so lang und so schwer ich's vermag
ich bin der Sand im Getriebe
bis eure Maschine versagt.

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Hans Deubel Krimikommisar
Hans von Kahla

Wenn Hans in seiner "Tatort-Klause" sitzt, fallen ihm spontan Themen für Fernsehkrimis ein. Bei den Ausschreibungen zum ersten Erfurt-Tatort hat er sich mit drei Drehbuchvorlagen beteiligt. In seinem Garten in Kahla hat Hans ein ABV-Zimmer mit einem kleinen privaten Polizeimuseum: Die "Tatort-Klause". Das ist das richtige Umfeld zum Krimi-Schreiben. Hans hat sich umfangreiches Insiderwissen angeeignet, er besitzt eine beachtliche Uniformsammlung, kennt von 1990 bis heute alle Innenminister von Thüringen - nicht nur durch Schriftverkehr, auch persönliche Gespräche hat er mit den meisten geführt.

Die neue Polizeiuniform von Thüringen hatte Hans schon eher als die Polizei in Jena. Beim Filmdreh zu einem Banküberfall am JenTower spielte er einen Hauptkommissar. Da wurde Hans völlig unerwartet mit einer Diensteinheit der Jenaer Polizei konfrontiert. Der Grund war eine Informationspanne: Die Polizei wusste nichts von dem Filmdreh! So wurde eine Kriminalkomödie zum ersten Tatortkrimi in Jena: Ein unbekannter Hauptkommissar in Originaluniform, mit einer Maschinenpistole und Blaulicht auf einem Zivilfahrzeug steht einem echten Oberkommissar und der bewaffneten Besatzung von sechs Blaulichtwagen gegenüber! Die Gefahrenlage war brisant, zum Glück fielen keine Schüsse!

Eines Tages sah Hans bei Dreharbeiten einen Bratwurstrost an einer Baustelleneinrichtung qualmen. Spontan sagte er zum Einsatzleiter: "Bei mir geht der Krieg erst los, wenn wir Thüringer Rostbratwurst gegessen haben."
Zielgerichtet ging Hans, in kompletter SEK-Uniform inklusive Maschinenpistole, in Richtung des Bratwurstrostes. Der Geruch war schon sehr verführerisch. Als die Anwesenden Hans in seiner Uniform kommen sahen, wurde es plötzlich hektisch: Die Bauarbeiter verschwanden in alle Himmelsrichtungen, einige sprangen sogar aus dem Fenster der Baustelleneinrichtung und rannten weg. Die Baustelle war plötzlich wie leergefegt! Die Fremdarbeiter vermuteten sicher eine Razzia der Zollfahndung. Nun war guter Rat teuer: Hans stand vor dem Rost mit den leckeren Bratwürsten und keiner war da, der sie ihm verkaufen konnte. Als Polizist sich einfach selbst zu bedienen, kam für Hans nicht in Frage, also musste er unverrichteter Dinge zurück zum Drehort. Am Set hatte er natürlich die Lacher auf seiner Seite.

Als Hans erfuhr, dass zum 20. Jahrestag des Mauerfalls in Mödlareuth, am ehemaligen Grenzstreifen, eine Einheitsfeier stattfinden sollte, war ihm sofort klar, da musste er dabei sein! Er war immerhin zehn Jahre als Zivilangestellter bei den Grenztruppen der DDR und kennt im ehemaligen Sperrgebiet jede Grenzkompanie im Kommandobereich Süd und Mitte, von Römhild bis Berlin, wie seine Westentasche. Hans hatte in all den Jahren die Atomwarnanlagen der Grenztruppen eingebaut und betreut und deshalb berufsbedingt überall Zutritt. Auf Grund dessen war sein Insiderwissen über Sperr- und Schutzstreifen sowie Führungspunkte sehr umfangreich.
Es gab keine Frage, Hans musste nach Mödlareuth und sich die Reste von Mauer und Stacheldraht ansehen. Aus seiner Uniformsammlung wählte er eine Major- Grenzpolizeiuniform mit Kalaschnikow und fuhr mit seinem restaurierten Grenzpolizei-Trabant, natürlich mit gültiger Straßenzulassung, zur Einheitsfeier. Als Hans mit seinem grünen Trabbi mit Blaulicht und Sirene im Dorf einfuhr, wurde er von keinem der Besucher übersehen.
Er war neugierig, wie die Grenzmuseums-Besucher aus Ost und West 20 Jahren nach der Grenzöffnung auf einen Grenzpolizei-Major reagieren und war überrascht über das Interesse und die Freundlichkeit der Bayern. Sie waren sehr aufgeschlossen und stellten wissbegierig Fragen über die DDR-Grenzsicherungsanlagen. Auf Grund seines Insiderwissens waren sie bei Hans natürlich an der richtigen Stelle. Viele baten um ein Selfie mit ihm vor seinem Grenzpolizei-Trabant mit dem originalen DDR-Wappen. Auch die Ossis aus dem ehemaligen Sperrgebiet waren sehr aufgeschlossen. Einige ehemalige Grenzer machten sogar freundlich die Ehrenbezeugung.
Wenn er gefragt wurde, wo er denn herkomme, konnte es sich Hans nicht verkneifen, seinen obligatorischen Spruch loszulassen: "Ich bin Major Hans von Kahla".

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Margit Ursula
Das Tor

Kein Haus gebaut, keinen Baum gepflanzt, keinen Sohn gezeugt - von den drei Dingen, die ein Mann in seinem Leben tun sollte, hat er nichts, aber auch gar nichts geschafft. Zum Hausbau fehlte immer das Geld, um einen Baum zu pflanzen die Gelegenheit, um einen Sohn zu zeugen fehlte...
Nun, wenn sie ihn nicht verlassen hätte...
Wer weiß, vielleicht hätte er dann wenigstens eine der drei Aufgaben erfüllen können.
So lief er denn weiter durch den Nebel. Den Kopf gesenkt, den Kragen hochgeschlagen. Nun war es dazu zu spät. Seit langem zu spät. Eben zu spät.
Wenn sie damals doch nur ein anderes Reiseziel genannt hätte, so wäre er nicht in der Pflicht gewesen. Aber mit seinem Titel und in seiner Position war es einfach unmöglich, die Flitterwochen in Bremerhaven zu verbringen. Das gesamte Team hätte sich über ihn lustig gemacht. Und bei den alljährlichen Veranstaltungen der Selbstbeweihräucherung hätten die vertrockneten Truden der Büroetage seine Liebste mit bedauernder Herablassung behandelt, als Frau eines Geizhalses. Damals legte er noch Wert auf eine Anerkennung, die ihm heute mehr als fragwürdig erscheint. So suchte er die verschiedensten Reisebüros auf. Allein. Wollte sie überraschen.
In einem wurde er fündig. Etwas für Individualreisende. Mit einem Beutel voller Informationsmaterial verließ er das Ladenlokal. Sie würden all das genießen können, was für beide einen Urlaub ausmachte: Kultur, Abenteuer, Natur und gute Hotels. Zögernd hatte sie zugestimmt. Letztendlich nur, weil er sie daran erinnerte, dass er ihr zuliebe eine Kirche betreten würde, damit sie den Segen des Pfarrers bekäme. Ihre Erwiderung klang noch deutlich in seinem Ohr. "Es ist der Segen Gottes. Und er ist für uns beide."
So fuhren sie also nach Zeremonien und Festlichkeiten über Rotterdam nach Thorshavn, bestiegen dort samt benzinschluckendem Freund und Gefährten die einzige Autofähre nach Seidisfjördur. Zwei Nächte blieben sie dort in dem blau-weiß gestrichenen Hotel, fuhren trotz des rauen Wetters mit dem Kajak auf den Fjord hinaus, wanderten im schmelzenden Schnee. Der Frühling wollte Einzug halten und grüßte sie mit vereinzelten Sonnenstrahlen. Ihr Glück war vollkommen. Dann brachte der kleine Geländewagen sie nach Höfn. Es war eine Tagestour geworden, denn immer wieder musste er halten, weil es etwas zu sehen gab. Hand in Hand erkundeten sie die bizarre Landschaft kurz unterhalb des Nordpolarkreises. Sie aßen Lamm. Sie bezeichnete das Gericht als Goulasch, er als Ragout. Dann einigten sie sich. Egal der Name, es war lecker.
Am nächsten Morgen brachen sie früh auf. Am Fuß des Vatnajökulls sollte es eine Verleihstation geben. Für Schneemobile. Geeignet für eine Gletschertour. Am Spätnachmittag sollte es zurück nach Höfn gehen, damit sie am nächsten Morgen Richtung Reykjavik aufbrechen könnten.
Doch alles sollte anders kommen. Die Insel aus Feuer und Eis zu umrunden...
Seine Gedanken schweiften weiter in die Vergangenheit, währenddessen seine Füße in der Gegenwart voranschritten. Durch den Nebel. Ohne bestimmtes Ziel.
Er legte die Kronen auf den Tresen. Erhielt eine Quittung dafür, worauf auch die Notrufnummer stand. "Sobald sich die Wolken zuziehen, müssen Sie den Rückweg antreten." Dieser Hinweis, in tadellosem Englisch gesprochen, erreichte ihn mitsamt Papier, Wechselgeld und Schlüsseln. Nach mehreren unbeholfenen Versuchen bockten die Fahrzeuge nicht mehr. Und die zwei Liebenden strebten dem Gipfel des Vatnajökulls entgegen. Die Pisten waren gut sichtbar. Die Sonne glitzerte auf dem Eis, wenig später, als sie die Höhen erreichten, auch im frisch gefallenen Schnee. Die Luft war klar, die Aussicht großartig, die Wolken klein und in weiter Ferne. Keiner Beachtung wert.
Die Gletscherkuppe war bereits greifbar nah, als sie ihr Schneemobil stoppte. Als er Augenblicke später auch hielt, trafen ihn Schneebälle. "Jeder Schneeball, der dich trifft, ist ein Kuss in der Ewigkeit von mir! Ich liebe dich!" Das war das Letzte, was er von ihr hörte. Dieses: "Ich liebe dich!"
Der Sturm kam von jetzt auf gleich. Die Sonnenstrahlen waren zwar weniger geworden, doch noch immer war es hell. An den Blick zum Himmel hatte keiner gedacht. Und nun entluden sich die Wolken. Der Wind wirbelte den auf dem Eis liegenden Schnee auf. Die Hand war nicht mehr vor Augen sichtbar. Die Macht der Naturgewalten ließ ihn über die vom Schnee freigewehten Flächen rutschen. Die Rufe nach seiner Frau riss ihm der Sturm von den Lippen.
Etwas Kratzendes weckte ihn. Plötzlich spürte er die Last auf seinem Rücken. Und die Kälte, die seinen Kör-per einschloss. Und die Luft, die frische, die sich Platz in seinen Lungen suchte. Er erwachte in einem Krankenzimmer. Erkannte es am Geruch. Ein rundes Gesicht beugte sich über ihn. "Schön, dass Sie wieder da sind." Das Deutsch war gebrochen, aber verständlich. "Wie geht es meiner Frau?", war seine erste Frage.
"Sie ist nicht gefunden worden."
Seither verbrachte er jedes Jahr den Urlaub am Vatnajökull. Auf der Suche nach ihr. Obwohl er nach sieben Jahren sie hätte für tot erklären lassen können, er tat es nicht. Ohne Leichnam kein Grab.
Die zunehmende Dunkelheit hatte er nicht bewusst wahrgenommen. Die Laternen standen in immer größeren Abständen am Straßenrand. Als er auf ein geöffnetes Tor aufmerksam wurde. Es war schmiedeeisern. Barock? Neobarock? Er erkannte es nicht. War auch egal. Denn das dahinter flutende Licht schien die Nebelschwaden durchbrechen zu wollen. Und zog ihn magisch an. Er durchschritt das Tor, lief die scheinbar endlose Allee entlang, bis er auf ein Herrenhaus traf, dessen Alter zu bestimmen ihm wieder das Interesse fehlte. Denn seinen Blick fesselte die Person, die die Stufen schwebend schreitend herunter glitt. Die die Arme ausbreitete. In die er sich flüchtete. "Ich habe auf dich gewartet. Ich liebe dich."

Leseproben aus dem Buch der „Jenaer Sprachverwender“: Geschichten aus tausendundeinem Jena

Erschienen 2011, MobB e.V. c/o Jenaer Sprachverwender, ISBN: 978-3-00-034153-3

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Christa Scholz
Natürlichkeiten

Natur und Mensch - ein Gegensatz?
Wo ist Natur - wo Menschenplatz?
Mensch macht sich breit im Erdenrund
und treibt's inzwischen gar zu bunt:
bepflastert Ufer und auch Wiesen,
erschrickt, wenn Wässer sich ergießen
in seine schöne neue Welt -
und fühlt sich trotzdem noch als Held.

Die Erde nutzen dürfen wir
ganz so wie jegliches Getier,
doch müssen wir uns auch bescheiden
und der Natur den Platz nicht neiden,
den sie genauso braucht zum Sein …
Was wär, sie ließe uns allein?

Ich möchte keinen stummen Frühling kennen
und will auch nicht die vielen Arten nennen,
die jährlich, täglich, stündlich untergeh'n,
es ist schon fünf vor zwölf und nicht erst zehn.
Wach auf mit mir, mein Freund, aus Träumerei,
die heile Welt uns gaukelt und noch allerlei!
Der Weg zum Schutz, zum achtsamen Gebrauch,
ist steinig, aber lustvoll ist er auch.

Nur was du kennen lernst, wirst du auch lieben.
Das ist der Zauberweg - den musst du üben.

Rosalina Eschke
Im Bauerngarten

Die junge Liljana ging kurz vor Sonnenaufgang in den Garten. Der Tau benetzte ihre nackten Füße. Nach dem Morgenrot ließen die noch flachen Sonnenstrahlen Blüten und Blätter bunt leuchten. Die Spatzen hoben zu zwitschern an, das Wasser der kleinen Quelle fügte sich plätschernd ein und nach und nach floss auch das Brummen der Bienen und Hummeln in diese Symphonie der erwachenden Natur. Ja, selbst das sachte Heben der Blättchen und Halme meinte man hören zu können, die sich Stück um Stück aufrichteten, befreit vom verdampfenden Tau. Liljana fing leise zu singen an.
Sie ging, ja schwebte im Rhythmus ihres Liedes zum Fliederstrauch und brach drei dunkel-violettfarbene Dolden ab, dann, das Tempo wechselnd, wandte sie sich mit einem Mal um und stand nach ein paar Schritten vor dem weißen Flieder. Mit ihrem Strauß im Arm lief sie zuerst zu den Blumenbeeten, roch den Duft des Flieders, den Duft der Erde, des gemähten Grases, der Narzissen und des Honigs. Wie verzaubert hielt sie inne, ohnmächtig fast von den Gerüchen, Farben, Tönen, die all ihre Sinne berührten, so zart, so gewaltig, so entfesselnd wie zum ersten Mal in ihrem Leben. Ihr Lied verstummte, sogar ihr Atem stand einen Augenblick lang still. Ihr erwachender Körper spürte schon vage, dass sie sich der Malve gleich aufrichtete, um in diesem Sommer noch wie die Rose aufzublühen. Der Frühling, die Jugend, die Erwartung wundersamer Dinge webten um Liljana ein Kleid aus Frische und Spannung. Irgendwo im Dorf krähte ein verspäteter Hahn, die Kühe muhten im Stall, auf der Weide trabte das Pferd zum Gatter und auch Bello, der Hund, war schon wach. Fröhlich mit dem Schwanz wedelnd kam er Liljana entgegengelaufen, sprang hoch, jaulte wohlig, ließ sich liebkosen.
Swilen, der Nachbarjunge, war heute früh erwacht und ging sofort hinaus. In der hohen Buchenhecke hatte er neulich ein Guckloch entdeckt. Gut getarnt verfolgte er kaum atmend die Bewegungen Liljanas nackter Füße und ließ dann seinen Blick ihre schlanke Figur hinan zu ihren Armen erst, und schließlich zu ihrem lieblichen Gesicht gleiten. Für die Musik der Natur hatte er keine Ohren, für die Schönheit der Blüten kein Aug' - seine Nase sog nur den Geruch von Liljanas erwachendem Körper auf, als sie - ahnte sie gar seine Nähe? - ganz dicht an ihm vorbeilief. Er erstarrte. Als er seine Augen wieder öffnete, war Liljana im Haus verschwunden.

Berit Hilpert
Nie wieder

Große Hure Deutschland,
dein gieriger Blick hat uns die Sinne vernebelt.
Im Rausch der
Farben, Rausch der
Düfte, Rausch der
Lüste, wie warst du heiß!

Jetzt wendest du dich ab, hüllst
deine Schultern, deine
kalten
schlaffen
Schultern, in ein Tuch, das Flecken trägt
wohl auch von mir …

Ist die Orgie vorbei, macht
träge Angst sich breit.
Die dumpfe Ahnung wird zur Gewissheit -
Das ist es, was es heißt:
Nie wieder.

Leseproben aus dem zweiten Buch der Jenaer Sprachverwender (damals schreibende Arbeitslose): "Jena – ein heller Punkt in meinem Lebenslauf"

Erschienen 2008, Glaux Verlag Christine Jäger KG; ISBN: 978-3-940265-19-7

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Reinhard Doberenz
Die Elfen

Es war in wunderbarer Waldesnacht;
Die Welt, sie war gehüllt in Schweigen;
Nur in den Wipfeln, da rauschte es sacht;
Der Mondesglanz hing in den Zweigen.

Es war so still in der weiten Runde,
Und bei der goldenen Mondespracht
Da kamen aus tiefem Waldesgrunde
Elfen vorbei gehuscht in der Nacht.

Und sie kamen um die zwölfte Stunde
Im so zauberhaft schwebenden Gang;
Mit Feen da standen sie im Bunde;
Eine schöne Elfe leise sang.

In dieser phantastischen Waldesnacht
Zum Elfenreigen sie sich fanden,
Und während die Wipfel rauschten so sacht,
Sie ganz heimlich wieder entschwanden.

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Ulrich Friedmann
Eddie

Eddie schlug die Augen auf und schaute umher. Alles schien wie immer. Große grüne Stängel ragten neben ihm in den Himmel. Da, wo sie zu Ende waren, vergrößerte sich der Anteil an Blau. Es wurde warm. Die Wolken verzogen sich, als hätten sie darauf gewartet, dass Eddie aufwachte.
Er fing an, seine kleinen Beine in Bewegung zu setzen, steuerte auf einen breiten Grashalm zu und trippelte geschickt bis zur Spitze. Von hier oben sah die Welt schon ganz anders aus, sie war viel bunter. So blieb er auf der Halmspitze und genoss das Leben. Das Wort Zeit kannte er nicht. Er nahm nur wahr, dass es hell und dunkel wurde und die Wärme eine sehr große Rolle spielte.
Seine Ruhepause wurde durch ein Brummen gestört. Ein dicker haariger Körper flog um seinen Ruheplatz und verursachte dabei dieses Geräusch. Eddie kannte den Ruhestörer und wusste, dass er nicht in Gefahr war. Das Brummen war die morgendliche Begrüßung von Bruder Hummel. Von seinem Hochsitz schaute er nach unten und bemerkte ein reges Leben auf dem Erdboden. Zwischen den Grashalmen liefen Ameisen wie aufgefädelt hintereinander und ließen sich durch nichts und niemand stören. Viele andere Bekannte kamen an seinem Platz vorbei und grüßten ihn. Mit bunten schillernden Flügeln setzte sich Pfauenauge auf die Blüte links von ihm.
Diese Harmonie wurde plötzlich gestört. Zuerst vernahm er ein schrilles Tschirpen, und eine Amsel flog aufgeregt an ihm vorbei. In seine kleine, aber sehr feine Nase stieg ein Geruch, den er so nicht kannte und der ihn zur Vorsicht mahnte. Zwei Menschen liefen über die Wiese, waren vergnügt, lachten, schwatzten, blieben stehen, um sich zu umarmen und zu küssen. Sie glitten mit ihren Händen die Grashalme entlang, zupften Blumen heraus und steckten sie zu einem Strauß zusammen. Auch an "seinem" Grashalm kamen sie vorbei, und, als hätte er es geahnt, zupfte eine Hand diesen Halm ab und steckte ihn in den Mund. Eddie konnte gerade noch seine kleinen Flügel ausbreiten und wegfliegen. Diese beiden großen Gestalten waren stehen geblieben, schauten sich um und legten sich auf die Wiese. Sie achteten nicht darauf, wen sie störten.
Pfauenauge konnte ebenso davonfliegen, aber für Familie Ameise waren es Eindringlinge, die ihre gewohnten Wege unpassierbar machten. Die aufgefädelte Kette trennte sich. Ein Teil lief einen großen Bogen um das Hindernis. Der andere Teil war mutiger und krabbelte über ein behaartes Bein hinweg. Plötzlich knallte es, aber alle hatten Glück. Die Hand, die nach ihnen schlug, ging daneben.
"I, hier sind ja Ameisen!", sagte eine Stimme. Flink erhoben sich die beiden Menschen, strichen die Ameisen von ihren Körpern und verließen den Platz. Eddie schaute von seinem neuen Grashalm aus zu.
Die beiden Menschen liefen langsam von der Wiese an den Waldrand und setzten sich dort auf eine Bank. Da gehörten sie auch hin, dachte Eddie. Unerschrocken flog er auf die Bank zu und landete auf einem Handrücken. "Schau mal, ein Marienkäfer", lachten beide. Er wurde nicht nach ihm geschlagen, wie bei den Ameisen, ihm wurde ein Finger hingehalten. Mutig krabbelte er auf diesen und lief ihn entlang. An der Berührung der kleinen Käferbeine hatten die Menschen ihre Freude.

Moral: Besser schön als fleißig oder
Keine Angst vor großen Menschen (Tieren)

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Silvia Köster
Ein gelungener Tag

Mein Brot ist alle. Die letzte Scheibe habe ich gestern zum Abendbrot verdrückt. Im Gefrierschrank ist auch keins mehr. Ich muss dringend einkaufen gehen. Frühstücksbrötchen sind noch da. Für morgen auch. Aber was esse ich heute Abend?
Vielleicht hätte ich mir doch den Wecker stellen sollen, um gleich früh um 6.00 Uhr ins Kaufland zu gehen. Wenn es noch fast leer ist und Herr Maier noch nicht mit seinem Hund draußen rumläuft. Da fragte er mich doch letzte Woche, ob ich meinen Ein-Euro-Job noch habe! Dabei ist der schon über zwei Jahre abgelaufen. Wie doch die Zeit vergeht!
Wenn ich heute Mittag ins Kaufland gehe, spare ich mir das Kochen. Ich könnte unterwegs eine Bratwurst essen. Aber da ist die Gefahr groß, dass ich ehemalige Kollegen treffe, die gerade Mittag machen. Ich kann die Begrüßungsformel "Haste wieder Arbeit" einfach nicht mehr hören!
Jetzt werde ich erst einmal frühstücken. Oh Gott, ich müsste dringend abwaschen. Wenn ich mir heute Mittag etwas kochen will, habe ich dafür gar keinen Platz in der Küche.
Welche Musik höre ich zum Frühstück? Ah, ich weiß schon ... Ist das schön: Kaffee, frisch aufgebackene Brötchen, Musik, Beine hoch legen, mir geht es doch wirklich gut!
Mein Brot ist alle. Sollte ich jetzt einkaufen gehen? Und wenn ich wieder Frau Schmidt im Hausflur treffe? Sie hat mich neulich so komisch angesehen, als ich meinen Müll rausbrachte. Dabei hatte ich doch meine gute Strickjacke übergezogen und freundlich "Guten Morgen, Frau Schmidt!" gesagt. Warum musste sie auch unbedingt gerade dann ihre Zeitung holen, als ich zum Müllcontainer ging?
Es regnet. Ich könnte heute Abend meine letzten Frühstücksbrötchen essen und morgen früh ins Kaufland gehen. Aber wenn ich schon raus gehe, dann will ich auch am Briefkasten und am Geldautomaten vorbei. Und all das vor dem Frühstück? Und wenn es morgen früh auch regnet?
Ah, da ist ja noch eine Büchse Suppe! Da kann ich doch die eine Hälfte heute Mittag und den Rest zum Abendbrot essen. So bleiben mir die Frühstücksbrötchen für morgen! Ich muss heute gar nicht raus! Und wenn ich es dann noch schaffe, meinen Abwasch zu machen, während die Suppe warm wird, dann wird das heute ein richtig schöner erfolgreicher Tag!

Leseproben aus dem ersten Buch der Jenaer Sprachverwender (damals schreibende Arbeitslose): "Vorsicht Strandgut!"

Erschienen 2007, MobB e.V. Projekt „Schreibende Arbeitslose“, ISBN: 978-3-00-020900-0

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Monika Maron
Arbeit für Leute von heute

Wozu heute noch lernen und studieren,
wenn du danach deine wohlverdiente Arbeit wirst verlieren,
da die Wirtschaft auf ihren fetten Profiten sitzt
und der Politiker wegen geschönter Arbeitslosenstatistiken schwitzt.

Dem fleißigen Streber werden recht bald seine Flügel gestutzt,
wenn er die heutige Scheinwelt erkennt und ihm nur Referenz und gute Beziehung etwas nutzt.
Ehrlichkeit und aufrichtiges Mühen werden nicht vergütet,
dafür aber Ellenbogeneinsatz und Niederträchtigkeit gehütet.

Denn es gilt, nur wer Stärke zeigt, kann auch gewinnen
und dabei der modernen Armut entrinnen.
Deshalb hat der ehrliche, strebsame Mensch, sei er auch noch so fleißig,
keine Chancen in dieser verrohten Zeit,
und sein Berufswunsch bleibt oft unerreicht weit.

Drum wird er einfach nach jahrelangem Mühen mit einem "Hartz-IV-Stempel" markiert,
damit er all seine Rechte und Mündigkeit verliert.
So kann man ihn stets für einen Euro die Stunde hin- und herdrangsalieren.
Und ist er nicht willig, so soll er dabei auch noch sein spärliches Hartz-IV-Geld schubweise verlieren.

Wann endlich werden alle noch nicht davon Betroffenen
diese menschenunwürdige Maschinerie kapieren?

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Klausdieter Weller
Minijob

Für ´n Appel und ´n Ei,
für ´n Euro oder zwei,
nimmste den Job, den man dir reicht,
weil man dir sonst die Leistung streicht.

Für ´n Appel und ´n Ei
biste mit dabei,
wenn Nürnberg Arbeitnehmer zählt,
selbst den, der kaum noch Geld erhält.

Für ´n Appel und ´n Ei
biste endlich frei
von allem Arbeitslosengeld,
das Nürnberg nunmehr einbehält.

Für ´n Appel und ´n Ei
ist dir's einerlei?
Steh auf und kämpfe zielgenau
gegen den Sozialabbau.

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Mohammed Al-Kuwaiti
Djuhas Nagel

Djuha ist eine Witzfigur, und Witze über ihn erzählen sich die Araber seit Generationen. Genauso wie bei den Märchen von Tausendundeiner Nacht sind die Autoren der Witze und Märchen unbekannt. Die Djuha-Witze sind nicht nur lustig, sondern enthalten auch einen Sinn und Klugheit; man nutzt Djuha-Witze argumentativ gegen andere Meinungen, als Sprichworte und Kritik.
Djuha hat sein Haus an einen Mann verkauft, allerdings unter der Bedingung, dass der Käufer Djuha erlaubt, einen großen Nagel in der Wohnzimmerwand zu lassen und den Nagel nicht mit dem Haus zu kaufen. Der Käufer dachte zunächst, dass ein Nagel ihn nicht stört und beim Kauf eines billigen Hauses kein Hindernis sein würde. Nachdem der Käufer mit Djuhas Bedingung einverstanden war, unterschrieben der Käufer und Djuha sogleich den Kaufvertrag.
Es verging eine Woche und Djuha klopfte überraschend an die Haustür des jetzigen Eigentümers, der die Haustür sofort öffnete und Djuha vor seiner Haustür stehen sah. Djuha sagte dem Mann: "Ich will meinen Nagel kurz anschauen", und der Mann ließ Djuha ein, weil er dachte, er schaue ihn nur an. Und tatsächlich schaute Djuha seinen Nagel kurz an. Nach zwei Tagen kam Djuha wieder, diesmal mit einem großen Fisch, und klopfte an die Haustür. Nachdem der Mann seine Haustür geöffnet hatte, sagte ihm Djuha: "Ich will diesen Fisch an meinen Nagel hängen." Da entgegnete der Mann: "Der Nagel ist im Wohnzimmer, wie könnten wir dort weiter sitzen, wenn ein Fisch am Nagel hängt?" Djuha zeigte ihm den Kaufvertrag. Da war der Mann erzürnt über Djuha, ließ ihn aber herein und Djuha hängte sogleich seinen Fisch an den Nagel und ging hinaus. Da verging fast ein Monat, der Fisch verdarb und stank zum Himmel, so dass der Mann mit seiner Familie nicht weiter im Wohnzimmer sitzen konnte.
Da kam Djuha wieder, mit einer Kuh an einem Seil, und er klopfte erneut an die Haustür. Der Mann öffnete ihm und Djuha sagte: "Ich will meinen Fisch holen." Und Djuha ging mit seiner Kuh hinein und band das Seil an den Nagel, doch der Mann sagte, dass das nicht geht. Djuha ließ die Kuh dennoch mit einem langen Seil im Wohnzimmer laufen und zeigte ihm wieder den Kaufvertrag. Jeden Tag kam Djuha nun zu Besuch, um seine Kuh zu pflegen, ihr Wasser und Futter zu bringen, um die Kuh zu füttern und zu tränken. Die Kuh muhte so laut, dass die Familie in den Nächten nicht schlafen konnte. Es dauert nicht lange, da hatten sie es satt und waren seelisch krank und gaben dem Djuha das Haus wieder mitsamt dem Nagel.

Fotoausstellung der Jenaer Selbsthilfegruppen (Oktober 2012)

 

 

Der Mensch (05.08.2017)

von Klausdieter Weller von den „Jenaer Sprachverwendern“

Der Mensch braucht lang, ein Mensch zu werden,
wie man ihn heute kennt auf Erden.
Der Mensch ist zwar ein Wirbeltier,
doch auf zwei Beinen statt auf vier. 

Zweibeinigkeit ist vorteilhaft,
weil sie Beweglichkeit erschafft,
denn im Vergleich mit dem Schimpansen
kann man zweibeinig besser tanzen. 

Der Mensch bleibt lange affenartig.
Nur ganz allmählich offenbart sich
des Menschen menschliche Natur.
Durch Jahrmillionen führt die Spur.

In Jahrmillionen muss er reifen,
um mit den Händen zuzugreifen,
um mit dem Kopfe nachzudenken
und seinen Lebenslauf zu lenken.

Das kann er nicht alleine schaffen.
Nur ganzen Horden Menschenaffen
gelingt das Denken, Sprechen, Wohnen
nach viel Millionen Generationen. 

Ein großer Fortschritt, der gelang,
ist Wechsel zum aufrechten Gang.
Der Mensch lernt erstens aufrecht steh’n,
und er lernt zweitens aufrecht geh’n, 

Kann seine Hände jetzt benutzen,
um Mund und Nase sich zu putzen,
kann auch nach hohen Früchten schauen
und handwerklich ein Häuschen bauen.

Der Mensch, der auf der Erde wohnt,
gewinnt den Blick zum Horizont,
und seine Blütenträume reifen,
jetzt kann er nach den Sternen greifen.

Aufrechter Gang macht Menschen frei.
Sein Hirn im Schädel wächst dabei.
Er setzt zu großem Sprunge an
und hofft, dass er bald fliegen kann.

Der Frühmensch lebt in kleinen Gruppen.
Man isst nicht nur Gemüsesuppen.
Gemeinsam geht man Jagen, Fischen.
Man sitzt gemeinsam an den Tischen.

Zur Zeit der Urgmeinschaft lebt
man großfamilienweis’ gemeinsam.
Wer der Gemeinschaft sich enthebt,
der wird zwar unabhängig, aber einsam.

Auch Ackerbau und Viehzucht bringen
sie nur gemeinsam zum Gelingen.
Gemeinsamkeit kommt auch gelegen,
um ihre Nachkommen zu pflegen.

In solchen Gruppen kann man sich
einander unterstützen,
und gegen Feinde kann man sich
in Gruppen besser schützen.

In Gruppen pflegt man Arbeitsteilung
und übt gerechte Pflichtenteilung,
und immer macht Beweglichkeit
zur Arbeit und zum Kampf bereit.

Bei Nahrungs- und bei Partnersuche
schlägt die Beweglichkeit zu Buche,
sowohl um das Revier zu halten
als auch bewohnbar zu gestalten.

Und Gruppenleben allemal
erleichtert auch die Partnerwahl,
hebt die Vermehrungsfähigkeit
und Gruppenüberlebenszeit.

Von allen Wesen, die wir kennen,
besitzt der Mensch das leistungsfähigste Gehirn.
Er kann die Weltenelemente nennen,
wohl vom Atom bis zum Gestirn

Er kann den Weltenlauf verstehen
und weiß damit auch umzugehen.
Der Mensch besetzt allein die Stelle,
kennt neben biologischer Entwicklung auch die kulturelle.

Das Hirn entwickelte die Sprache
als Mittel der Verständigung.
Und diese wunderbare Sache
war Tierlebens Beendigung.

Mit Sprache kann der Mensch Botschaften weitergeben,
weit mehr als Lock- und Warnsignale, womit Tiere leben.
Die Sprache kann Gedanken und Gefühle senden
und ist für Wissen und Erfahrung zu verwenden.

Hirngröße und aufrechter Gang
steh’n miteinander in Zusammenhang.
Das neue Weltbild passt nicht in den kleinen Schädel.
Der neue Raum wird groß und edel.

Der Kampf ums Dasein nicht allein
kann Triebkraft der Entwicklung sein.
Nur Populationen kann gelingen,
die Anpassung hervorzubringen.

Durch Variation und Selektion
wird besser ihre Situation
der Überlebensfähigkeit,
und nur wer fit ist, siegt im Streit.

Es sind soziale Gruppen, die ihn führen
und die im Kampf ums Dasein konkurrieren,
um knappes Gut, verfügbar kaum,
wie Nahrung oder Lebensraum.

Die Fitness einer Population
ist Resultat der Kooperation
der Einzelwesen, die die Gruppe bilden,
und von umweltlichen Gefilden.

Und so erscheint die Evolution
als Wechsel von Progress und Tradition
und auch von Konkurrenz und Kooperation.
Ihr Gegenstand ist die Population.

Vergleichende Verhaltensforschung nennt
bei Tieren das Sozialverhalten Rudel, Herden, Horden.
In menschlicher Gesellschaft sind daraus im Trend
die Sippen und Familien geworden.

Bei Tieren gibt es das Revierverhalten..
Die Menschheit hat Revierverhalten beibehalten.
Bei Gruppen der Gesellschaft heißt der Streit
der Menschen Fremdenfeindlichkeit.

Das Eintrittsdatum für aufrechten Gang
und für das Schädelwachstum ist von Rang
für die humane Paläontologie,
und für ihr Studium der Anatomie..

Weil Wirbeltiere Knochen tragen,
die die Verwitterung besteh’n,
so kann die Spur von ihren Erdentagen
nicht in Äonen untergeh’n.

Der Archäologe datiert das Fossil
und erfährt dessen Lebenszeit.
Die Anatomie des Skeletts sagt ihm viel
zur Art der Beweglichkeit.

Die Anatomie des Schädels zeigt
durch Größe und Höhe der Stirn,
ob der Mensch, der er war, schon zum Denken neigt.
und die Entwicklungsstufe vom Hirn.

Ob die Evolution heute weitergeht,
ist eine schwere Frage,
denn weil sie allein die Zukunft betrifft,
gibt’s keine Datenlage

Anders als auf theoretischem Feld
forscht man ausschließlich empirisch.
Da aber jede Erfahrung fehlt,
ist die Sache sehr schwierig.

Die Frage wird kontrovers diskutiert,
Ja und Nein halten fast sich die Waage,
obwohl man sich auf Erkenntnis bezieht
aus dem Forschungsstand unserer Tage

Was die molekulare Genetik weiß
über Vererbung als Vorgang,
hat vor allen Formen der Kommunikation
die physische Nähe Vorrang. .

Es genügen soziale Medien nicht,
nicht Skype noch Internet.
Für evolutive Veränderung
bedarf’s der Gemeinschaft im Bett.

Gibt es denn noch Entwicklungsziele?
Und selbst, wenn ja, wie viele?
Man wird doch wohl noch fragen dürfen,
wo und wonach soll man noch schürfen?

Und was erkennt man noch wo und wie
an des Skeletts Anatomie?
Die Schädelgröße zeigt nicht Bildung noch Begabung.
Worin besteht denn dann das Ziel der Grabung?

Obige Eigenschaften schon
sind Teil kultureller Evolution,
die keine fossile Spur hinterlässt.
Sie macht sich nicht an Knochen fest.

Bildung prägt zwar die Physiognomie,
die ist aber schwer zu quantifizieren,
und lässt sich terrestrisch nicht konservieren,
weil Weichteile die Konsistenz verlieren.

Es gibt zwar plastische Chirurgie
und Rekonstruktion des Gesichts
auf der Grundlage der Schädelform,
über Evolution sagt sie nichts.

Sie dient in Forensik der Identifikation
einer Einzelperson polizeilicher Ermittlung,
aber nicht der Erforschung der Evolution
physiognomischer Entwicklung.

In der Urgeschichte kam es wiederholt
zu dramatischen Migrationen,
die der Evolutionären Anthropologie
sich zu erforschen lohnen.

Längst gab der Archäologe ab
der Menschheitsforschung Staffelstab
Historikern und Anthropologen,
die ihre eigenen Schlüsse zogen.

Des Wissens Quelle lag im Boden tief,
wo es bis zur Entdeckung schlief.
Es liegt jetzt hoch im Oberboden
In dem historischen Archiv.

Geschichte ist die Gesamtheit der Veränderungen der menschlichen Gesellschaft oder einzelner Teilbereiche, wie sie durch das Denken und Handeln Einzelner oder gesellschaftlicher Gruppen in der Vergangenheit erfolgte, sich in der Gegenwart fortsetzt und auch in der Zukunft erfolgen wird..

Trotz dieser Unterschiede zwischen Evolution und Geschichte
spielen in beiden Prozessen Gruppen eine wichtige Rolle.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Prozessen
besteht auch in ihrer Geschwindigkeit .
Nicht jeder schreibt Gedichte.
Nicht jeder schreibt Geschichte.
Doch die Gesellschaft wandelt sich schon
in einer einzigen Generation

Die kulturelle Evolution
schafft eine neue Generation,
wo Menschen Fähigkeiten nicht von Eltern erben,
sondern durch Lernen und durch Bildung sich erwerben.

Mit Lernen fängt das Menschsein an,
weil man als Mensch so lernen kann,
dass man bewusst vernünftig handelt
und dadurch selber sich verwandelt.

Der Mensch erlernte Feuermachen,
doch nicht allein, es zu entfachen.
Denn er bewachte auch das Feuer,
als Freund und nicht als Ungeheuer

Er steigert die Beweglichkeit
durch neue Reisemöglichkeit
mit Auto und mit Eisenbahn,
mit Fahrrad oder Schiff und Kahn..

Der Mensch benutzt den Flugzeugflug.
Das ist ihm aber nicht genug.
Ein Astronaut will er nun werden
und sucht bereits nach fernen Erden.

Und kulturelle Evolution
wird digitale Revolution,
wo die Computer sich nicht schämen
und die Kontrolle übernehmen.

Nach allerneustem Forschungsstand
ist es jetzt wieder unbekannt,
in welchem Erdteil, welchem Land
die Wiege unsrer Menschheit stand..

In Afrika, in Asien,
vielleicht auch in Eurasien,
vielleicht wohl in Balkanien,
vielleicht aber in Spanien.

Warum denn nicht an vielen Orten,
wo Urmenschen in kleinen Horden,
langfristig beieinander blieben
mit Essen, Trinken, Arbeiten und Lieben.

Verdacht fällt auf die Erdregionen,
wo Menschen gerne sesshaft wohnen,
wo Klima und die Vegetationen
sind attraktiv für Langzeitwohnen.

Nun muss man aber Achtung geben,
dass Inzucht ist nicht förderlich für’s Leben.
So für die Größe einer Population
scheint es zum Überleben ein Optimum zu geben.

Denn andererseits sind große Populationen
nicht  fähig  mehr, zu Evolution zu führen.
Denn vorteilhaftere Mutanten können
sich nicht mehr anreichern und etablieren.

Durch ungezielten Genaustausch
wird der Genpool mehr verwässert als verbessert
und vorteilhaftere Mutanten, selbst wenn sie entstehen,
werden im Entwicklungsgang bald wieder untergehen.

In der globalen Welt von sieben Milliarden
findet natürliche Zuchtwahl nicht mehr statt.
Auf isolierten Inseln nur kommt evolutionäre Neuheit vor,
wie Darwin auf Galapagos es einst gesehen hat.

Das erhabendste Ziel der Evolution
ist lebensdienliches Verhalten
zu installieren in der Welt
und langfristig stabil zu halten. .

Gemeinschaftssinn der Urgemeinschaft,
die Arbeitsteilung und die Freundschaft
Gefahrenwarnung, Altruismus. Diese Triebe
sind Meilensteine auf dem Weg zur Liebe.

Die Liebe dient der Arterhaltung
Erhöht die Fitness für die Artentfaltung.
Egal, wohin Entwicklung treibt,
die Liebe bleibt.

Falls mentales Verhalten bedingt ist genetisch
bietet Gentherapie  in der  Keimbahn sich an,
die aber riskant ist und bedenklich ethisch,
weil man die Folgen nicht abschätzen kann.

Biologie hat nicht die Kraft
noch hat sie die Geschwindigkeit.
Man braucht die Geisteswissenschaft,
damit man das Umdenken schafft

Nur kulturelle Evolution
kann diesem Ziel uns näher bringen,
mit Kognition, Psychologie, Ethologie,
Philosophie und Theologie.

Hirnforschung und Neurologie
Genforschung und Endokrinologie
können es vielleicht erzwingen,
so kann es uns vielleicht gelingen.

Meditation und Kontemplation,
Einkehr und Autosuggestion,
interpersonelle Partizipation,
Konziliation und Konsolation.

Konversation und Kompassion,
Konzentration und Kondolation,.
bürgerschaftliche Aktion,
bei change.org die Petition,

internationale Kommunikation,
Konsultation, Mediation, Konvention,
Kombination, Konzession, Moderation
können es vielleicht vollbringen

Im Bewusstsein globaler Bedrohungen
bei Strafe des Untergangs
durch Wettrüsten, Klimawandel und Hungersnot
erkennen die Menschen vielleicht das Gebot,
die Macht zu zähmen, Verstand und Vernunft anzunehmen
und Liebe zu üben und Empathie

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen, Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen 

(Hermann Hesse)